DEMENZ - still und lautlos - Yardena Sierra schafft Ziele und Hilfe, damit ein Leben auch mit Demenz ein gutes Leben bleibt

09.04.2018

Fragen zum Thema DEMENZ  "still und lautlos"

Wie gehen Angehörige und Betroffene damit um und was kann man tun?

Matina-Meredes Hilbeck / Inhaberin von Network-Angels Schweiz im Interview mit:

Yardena Sierra / Expertin für Demenz-Beratung und Inhaberin von www.inmente.ch

Frau Sierra, Sie gelten als Expertin in der Demenzberatung. Beschreiben Sie doch bitte kurz zunächst Ihren eigenen Werdegang...

Sie werden sich wundern, jedoch begann meine "Expertise" bereits im Alter von sieben
Jahren. Damals durfte ich meine Mutter jeden Mittwochnachmittag an ihrem Arbeitsort besuchen. Sie arbeitete in einer integrativen Abteilung eines
Pflegezentrums, in welcher u.a. Menschen mit einer Demenzform betreut werden und wohnen. Interessanterweise konnte ich mich - besonders mit den Menschen, die an einer Demenzform erkrankt
waren - sehr gut auseinandersetzen. Die Nachmittage erlebte ich immer wieder
als sehr angenehm, humorvoll und lebendig.


Ich sah die Bewohnerinnen und Bewohner immer wieder lachen, was ich als sehr bewundernswert empfand. Als ich nach dem Akut-Praktikum, für meine Abschlussprüfung als Pflegefachfrau HF in die Langzeitpflege auf eine spezialisierte Wohngruppe für Menschen mit Demenz eingeteilt wurde, war mir zuerst etwas mulmig. Ich hatte
damals noch keine praktischen Erfahrungen mit dieser Thematik. Ich fragte mich daher, ob ich dem gewachsen sei? Schnell konnte ich jedoch feststellen, dass ich dort genau am richtigen Platz war und diese Menschen noch sehr viele Fähigkeiten besitzen. Ich war stets neugierig, mehr über die verschiedenen Weiterbildungsmöglichkeiten zu Schwerpunkten "Bildung von Lernenden für spezialisierte Wohngruppen", Beratungen von Angehörigen, Teamleitung mit eidg. FA, "DAS - Lebensqualität Demenz", Resilienz, usw. in Erfahrung zu bringen.

"HEUTE WEISS ICH, ES WAR EINE GLÜCKLICHE SCHICKSALSFÜGUNG - ICH DARF DA WIRKEN, WO ICH HINGEHÖRE!"

Was sind die ersten Anzeichen für eine Demenz-Erkrankung? Woran können Angehörige feststellen, ob ihr Familienmitglied/Freund darunter leidet?

Als erstes möchte ich erwähnen, dass je nach Demenzform und -stadium unterschiedliche, individuelle Anzeichen auf die Erkrankung von betroffenen Personen hinweisen können. Was jedoch sehr häufig vorkommt, sind folgende Anzeichen:

  • Vergesslichkeit, die den Alltag beeinträchtigt: Mühe mit dem Kurzzeitgedächtnis, Gegenstände werden an ungewöhnlichen Orten verstaut (z. B. das Portemonnaie liegt im Kühlschrank), Termine werden nicht mehr wahrgenommen, es kommt zu plötzlichem Misstrauen oder Wahnvorstellungen treten auf.
  • Schwierigkeiten bei alltäglichen, vertrauten Abläufen: vertraute Aufgaben brauchen mehr Zeit, werden nicht mehr regelmässig durchgeführt, es passieren häufig mehr Fehler, Betroffene sehen die Fehler oft nicht bei sich, sondern nur bei den Mitmenschen.
  • Fehlender Antrieb und sozialer Rückzug: z.B. wird die geliebte Gartenarbeit nicht mehr erledigt, sozialer Kontakt wird vermieden.

  • Veränderung der Persönlichkeit: oft ist zu bemerken, dass die Betroffenen an stark
    ausgeprägter Angst leiden und reizbar sind.
  • Mangelnde Orientierung. Betroffene wissen nicht mehr wo sie wohnen oder haben Weglauftendenzen.
  • Nahe stehende Menschen werden plötzlich nicht mehr erkannt.

Ein junger Mann, der seine Demenz kranke Mutter pflegt wurde gefragt: "Weiss Deine Mutter noch, dass Du ihr Sohn bist"? Der junge Mann antwortete: "Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ICH weiss, dass sie meine Mutter ist!"

Es heisst, dass die Angehörigen den Krankheitsverlauf oft schlimmer empfinden, als es die Betroffenen selber tun. Ist dies so?


Ja das ist sehr oft so, was auch berechtigt ist. Stellen Sie sich vor, ein Elternteil oder Ehepartner verhält
sich plötzlich ganz anders, als man es sich von ihm gewohnt ist. Herausforderndes Verhalten kann den Umgang im Alltag prägen: sein Verhalten ist anders. Erfreulicherweise kann ich immer wieder beob-achten, dass die Familie und das soziale Umfeld nur das Beste für die Betroffen wollen. Das Unwissen führt schnell zu einer ungewollten
Hilflosigkeit und Überforderung. Oft fühlen sie sich mit der ganzen Situation alleine, da das Verständnis aus dem sozialen Umfeld nicht immer vorhanden ist.
Es wird plötzlich nicht darüber gesprochen.


"Zwei Drittel der Demenzkranken werden zu Hause von ihren Angehörigen versorgt. Die Familien tragen damit die Hauptlast der Betreuung. Die Betreuung eines demenzkranken Menschen ist eine anspruchsvolle und schwierige Aufgabe, die viel Wissen und Kompetenzen erfordert."

Demenz ist ein sehr sensibles Thema und die betroffenen Angehörigen sind oft sehr hilflos. Wo sehen Sie hier Ihre Aufgabe und wie lautet Ihr Rat an alle Betroffenen?

Als erstes ist es wichtig, dass ich die IST-Situation der Angehörigen wahrnehmen kann. Ich begegne ihnen mit viel Respekt und Empathie. In meinen Beratungen sollen die Angehörigen die Möglichkeit erhalten, über ihre Ängste, Hilflosigkeit, Wut und Trauer aber auch über lustige Momente im Alltag sprechen zu können. Ein offenes Ohr ist hier
zentral. Meine Demenzhilfe besteht u.a. darin, sie zu motivieren: Sie sollen lernen, die durch Demenz erkrankte Person so anzunehmen, wie sie ist. Denn je mehr Gegendruck ausgeübt wird, desto häufiger erleben sie Widerstand.


Es ist mir ganz bewusst, dass es sehr viel Verständnis und Akzeptanz braucht - und genau
während diesem Prozess werden die Angehörigen von mir feinfühlig begleitet. Die
Angehörigen lernen, wie sie mit herausforderndem Verhalten umgehen können, wie sie den Alltag mit den Betroffenen mit viel Herz in eine positive Richtung gestalten können. Es ist höchst bewundernswert, wie die Angehörigen den Umgang mit ganz viel Hingabe und Mitgefühl erlernen. Deshalb sollen sie nicht in Vergessenheit geraten: Sie leisten aussergewöhnliche Arbeit und sind sehr oft 24h mit der Pflege und der Betreuung der Betroffenen beschäftigt und ausgelastet. Und genau hier ist mein Ansatz, die Angehörigen mit ins Boot zu nehmen.

"Meine Motivation besteht darin, in der Mitte von auftretenden Schwierigkeiten die besten Möglichkeiten für alle zu finden."

Wenn Sie auf die vielen Jahre Ihrer beruflichen Tätigkeit zurückblicken: was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten?

Das ist für mich ganz einfach zu beantworten: Menschen mit einer Demenzform sind äusserst lernfähig und besitzen noch so viele Fähigkeiten, welche man einfach bewusst wahrnehmen und zulassen soll. Dem begegne ich mit grosser Freude und Dankbarkeit. Wenn die Angehörigen zudem
mithilfe von neuen Ansätzen positive Blickwinkel in der Betreuung ihren Liebsten entdecken können, begeistert mich dies immer wieder aufs Neue. Deshalb bin mit viel Herz und Leidenschaft dabei.

Yardena Sierra

ICH FREUE MICH AUF IHRE ANFRAGE

Für weitere Infos und Beratungs-Termine:
Yardena Sierra Martin

Tel: +41 (0)76 675 22 52 / Beratung@inmente.ch

Um die vielfältigen Aufgaben der Betreuung und Pflege eines Demenzkranken über Jahre hinweg erfüllen zu können, brauchen Angehörige zu aller erst Wissen über die Krankheit, ihren Verlauf und die derzeitigen Behandlungsmöglichkeiten. Je besser Sie informiert sind, desto leichter können Sie lernen, mit schwierigen Verhaltensweisen umzugehen.  

Ich möchte Sie im Gespräch dabei unterstützen, Ihre individuelle Belastungssituation besser zu bewältigen. Sie finden einen geschützten Raum in dem Sie sich über Gefühle wie Schuld, Scham, Überforderung oder Angst aussprechen können.

Ich möchte Sie ermutigen, auch an sich selbst zu denken, für sich zu sorgen und frühzeitig passende Entlastungsmöglichkeiten zu finden.